Die Urak Lawoi
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Die Urak Lawoi sind die Ureinwohner des Adang Archipels. Oft werden sie zusammen mit den bekannteren Moken genannt und als Seenomaden bezeichnet. Tatsächlich sind die Urak Lawoi aber eine eigene Volksgruppe, die sich in Herkunft, Sprache und Kultur von den Moken unterscheidet.
In ihrer Sprache bedeuten urak Mensch und lawoi Meer. Ihre genaue Herkunft ist umstritten, aber es ist allgemein anerkannt, dass sie ethnisch zur malaysischen Völkergruppe gehören. Ihre Sprache ist ein Malayo – Polynesischer Dialekt, der nicht in Schriftform existiert.
In Thailand leben die Urak Lawoi hauptsächlich an der Küste und auf den Inseln der Andamanensee, wie z.B. Phuket, Lanta, PhiPhi, Bulon und Lipe. Ihre Familiennamen lauten: Hantalee (das Meer nicht fürchten), Pramongkit (Fischer) und Taleeluk (hohe See).
Die Insel Lanta ist die ursprüngliche Heimat vieler Urak Lawoi im Adang Archipel. To Kiri, ihr höchst respektierter Schamane, war ein Abenteurer und Händler aus Indonesien. Anfang 1900 heiratete er eine Urak Lawoi auf der Insel Lanta. Auf bitten der Satuner Provinzregierung führte To Kiri 1909 die Urak Lawoi nach Ko Lipe. Mit „thailändischen“ Bewohnern konnte das Adang Archipel bei Neuordnung der Grenze zwischen Thailand und British Malaysia als thailändisches Territorium beansprucht werden.
Das Leben der Urak Lawoi ist eng mit dem Meer verbunden. Traditionell bauten sie ihre Häuser direkt am Strand, ihre Boote immer im Blick. Das Meer und die Küstenregion waren für die Urak Lawoi nicht nur Nahrungsquelle, sondern Heimat und Herz ihrer Kultur. Sie entwickelten erstaunliche Fähigkeiten in der Navigation sowie beim Fischen und Tauchen.
Traditionell waren die Urak Lawoi Selbstversorger. Als semi nomadische Sammler ernährten sie sich von Meeresfrüchten aus dem Riff und von der Vegetation der Inseln. In der stürmischen Regenzeit (Mai bis November) wohnten sie in ihren Häusern. In der Trockenzeit (Dezember bis April) wanderten sie mit der gesamten Familie in ihren Ruderbooten durch das Adang Archipel. An geschützten Stränden mit Frischwasserversorgung bauten sie provisorische Schutzhütten. Während dieser mehrmonatigen Ausflüge, genannt baghad, konnten die Urak Lawoi die Artenvielfalt des Archipels optimal nutzen, ohne das sensible Gleichgewicht des Ökosystems zu gefährden. Sie sammelten Schnecken und Muscheln in der Gezeitenzone, tauchten nach Hummern und Schildkröten und harpunierten Fische. Im Wald ernteten sie Wurzeln, Blätter und Früchte. Aus Rattan bauten sie Fischfallen und aus Bambus Fallen für Wildschweine.
Nur auf Grund ihres Verständnisses für das Zusammenspiel von Wetter, Gezeiten und dem Verhalten der Tiere, die sie jagten und sammelten, konnten sie überleben. Die Urak Lawoi eigneten sich ein detailliertes Wissen über die Topographie des Adang Archipels sowohl über als auch unter Wasser an. Den Kräften der Natur ausgeliefert, entwickelten sie ein enges Gemeinschaftsleben. Lebensmittel wurden miteinander geteilt und die Gegenstände des täglichen Gebrauchs waren Gemeinschaftseigentum. Individualeigentum gab es nicht. Tägliche Arbeiten wie Nahrungssuche sowie deren Zubereitung und Konservierung, aber auch die Kindererziehung wurden von beiden Geschlechtern gleichermaßen erledigt. Es gab keine feste Rollenverteilung. Die Kinder nahmen am Alltag ihrer Eltern teil und lernten am täglichen Beispiel sich selbst zu versorgen. Gemeinschaft bedeutete Sicherheit, daher wurde möglichst viel Zeit im Familienverband verbracht.
Boote waren einst der wertvollste Besitz der Urak Lawoi. Jeder Haushalt besaß ein Ruderboot, etwa drei Meter lang, manchmal ausgestattet mit einem Segel. Noch heute gibt es vereinzelt Bootsbau auf Ko Lipe, meist eine Zusammenarbeit von Mitgliedern der Großfamilien. Die enge Verbundenheit der Urak Lawoi zu ihren Booten zeigt sich auch während des Prachak Festivals, das sie zweimal im Jahr zum Monsunwechsel zelebrieren. Nach einer Zeremonie am Grab To Kiris und seiner Frau veranstalten sie ein Schaurennen mit zwei geschmückten Longtailbooten und bauen anschließend ein Miniaturboot aus dem weichen Holz der Zalacca Palme. Mit Segeln ausgestattet, wird das zeremonielle Boot im Verlauf des drei Tage und drei Nächte andauernden Fests im Meer ausgesetzt um mit allem Unglück davon zu segeln.
Noch sind die meisten Urak Lawoi des Adang Archipels Animisten. Sie verehren ihre Ahnen und glauben an Naturgeister. Naturphänomene und die nichtmaterielle Welt sind für die Urak Lawoi eng miteinander verwoben. Bei Krankheitsfällen wird zuerst der Schamane konsultiert. Sie sind aber auch offen für Neues. So sind viele Urak Lawoi zusätzlich auch Buddhisten. Die auf den in Küstennähe gelegenen Inseln lebenden Urak Lawoi sind Muslime und auf Ko Lipe gibt es eine christliche Gemeinde.
Ausdrucksformen ihrer Kultur sind rammana und rong gneng. Dies sind Musik und Tanz indo- malayischen Ursprungs, während der Kolonialzeit von Westeuropäern beeinflusst. Rammana ist Trommeln mit zeremoniellem Gesang, rong gneng dagegen ist ein Gesellschaftstanz, begleitet von Gesang, Trommeln und einer Geige.
Während der Einhundert Jahre, die die Urak Lawoi im Adang Archipel leben, haben sich ihre Lebensumstände dramatisch geändert. Aufgrund der Regelungen des Nationalparks mussten sie ihre Dörfer auf den Inseln Adang und Rawi aufgeben und die ausgedehnten baghad Ausflüge wurden verboten. Heute leben die Urak Lawoi des Adang Archipels auf der kleinen Insel Lipe, auf der sie durch die rapide wachsende Tourismusindustrie ins Innere gedrängt werden. Neue Technologien, verbesserter Transport und das staatliche Schulsystem konfrontieren sie mit der Moderne und den Auswüchsen der Globalisierung.
Heike Waelde
Quelle: The Urak Lawoi of the Adang Archipelago, Supin Wongbusarakum